1. Advent

27. November

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Der Duft von Geback, der warme Lichtschein von Kerzen und heimliches Geraschel hinter verschlossenen Türen – all das gehört zu einer Zeit, die für viele Menschen, egal ob groß oder klein, die schönste des Jahres ist. In dieser Zeit schmücken wir die Stube mit Tannenzweigen, such nach Überraschungen für unsere Lieben und streifen mit leuchtenden Augen über winterliche Märkte, wo wir unsere Hände an heißen Tassen mit dampfenden Glühwein wärmen.

Was kann man tun, in den Tagen der kurzen Tage und der langen Nächte, wenn die Tage bis Weihnachten viel zu langsam vergehen? Wenn Kinderaugen sehnsuchtsvoll aufblicken und wissen wollen, wie lange es noch dauern wird, bis endlich das große Fest gefeiert werden soll? Wie soll man eine Zeitdauer von mehreren Wochen erklären, wenn Kinderhände doch nur bis zum zehnten Finger abzählen können?

Pastor Wichern hatte 1838 eine Idee. Der Begründer des „Rauhen Hauses“, einem Heim, in dem arme und verwaiste Kinder ein Bett, Erziehung und Familienersatz fanden, brachte einen großen Holzreifen an der Decke des Speisesaales an. So viele Tage noch bis zum Heiligen Abend vergehen sollten, so viele Kerzen hatte er auf den hölzernen Ring gesteckt. Für jeden Sonntag im Advent gab es sogar eine besonders große Kerze. Täglich zur Andacht entzündete er ein Licht. So konnte jedes Kind genau erkennen, wie viel Zeit noch vergehen würde bis zum großen Fest. Später umwickelte er den Holzring mit Tannenzweigen – der Adventskranz war geboren.

Euch allen wünsche ich einen schönen 1. Advent!

Natürlich warten einige der Leser auf den Bericht aus der Gemeinde Stenkelfeld – ein Beispiel wie es einige übertreiben. Bitte …

Sonntag, 1. Advent, 10 Uhr

In der Reihenhaussiedlung Önkelstieg lässt die Rentnerin Erna B. durch ihren Enkel Norbert drei Elektrokerzen auf der Fensterbank ihres Wohnzimmers installieren. Vorweihnachtliche Stimmung breitet sich aus. Die Freude ist groß.

10:14 Uhr

Beim Entleeren des Mülleimers beobachtet Nachbar Ottfried P. die provokante Weihnachtsoffensive im Nebenhaus und kontert umgehend mit der Aufstellung des zehnarmigen dänischen Kerzensets zu je 15 Watt im Küchenfenster. Stunden später erstrahlt die gesamte Siedlung Önkelstieg im besinnlichen Glanz von 134 elektrischen Fensterdekorationen.

19:03 Uhr

Im 14 km entfernten Kohlekraftwerk Sottrup-Höcklage registriert der wachhabende Ingenieur irrtümlich einen Defekt der Strommessgeräte für den Bereich Stenkelfeld-Nord, ist aber zunächst noch arglos.

20:17 Uhr

Den Eheleuten Horst und Heidi E. gelingt der Anschluss einer Kettenschaltung von 96 Halogenfilmleuchten durch sämtliche Bäume ihres Obstgartens an das Drehstromnetz. Teile der heimischen Vogelwelt beginnen verwirrt mit dem Nestbau.

20:56 Uhr

Der Discothekenbesitzer Alfons K. sieht sich genötigt, seinerseits einen Teil zur vorweihnachtlichen Stimmung beizutragen, und montiert auf dem Flachdach seines Bungalows das Laserensamble „Metropolis“, das zu den Leistungsstärksten Europas zählt. Die 40 Meter hohe Fassade eines angrenzenden Getreidesilos hält dem Dauerfeuer der Nikolausprojektion mehrere Minuten stand, bevor sie mit einem hässlichen Geräusch zerbröckelt.

21:30 Uhr

Im Trubel einer Julklubfeier im Kohlekraftwerk Sottrup-Höcklage verhallt das Alarmsignal aus Generatorhalle 5.

21:50 Uhr

Der 85jährige Kriegsveteran August R. zaubert mit 190 Flakscheinwerfern des Typs „Varta Volkssturm“ den Stern von Bethlehem an die tief hängende Wolkendecke.

22:12 Uhr

Eine Gruppe asiatischer Geschäftsleute mit leichtem Gepäck und sommerlicher Bekleidung irrt verängstigt durch die Siedlung Önkelstieg. Zuvor war eine Boing 747 der Singapor Airlines mit dem Ziel Sydney versehentlich in der mit 3000 bunten Neonröhren gepflasterten Garagenzufahrt der Bäckerei Bröhrmayer gelandet.

22:37 Uhr

Die NASA-Raumsonde Voyager 7 funkt vom Rande der Milchstraße Bilder einer angeblichen Supernova auf der nördlichen Erdhalbkugel. Die Experten in Houston sind ratlos.

22:50 Uhr

Ein leichtes Beben erschüttert die Umgebung des Kohlekraftwerkes Sottrup-Höcklage. Der gesamte Komplex mit seinen 30 Turbinen läuft mit 350 Megawatt brüllend jenseits der Belastungsgrenze.

23:06 Uhr

In der taghell erleuchteten Siedlung Önkelstieg erwacht die Studentin Bettina U. und freut sich irrtümlich über den sonnigen Dezembermorgen. Um genau 23:12 betätigt sie den Schalter ihrer Kaffeemaschine.

23:12 Uhr und 12 Sekunden

In die plötzliche Dunkelheit des gesamten Landkreises Stenkelfeld bricht die Explosion des Kohlekraftwerks Sottrup-Höcklage wie Donnerhall. Durch die stockfinsteren Ortschaften irren verstörte Menschen, Menschen wie du und ich, denen eine Kerze auf dem Adventskranz nicht genug war.